Juden in Hollywood: Einwanderer, Filmstudios und ein Jahrhundert Kino

Die Geschichte der Juden in Hollywood ist ein Kapitel der amerikanischen Einwanderungs- und Kulturgeschichte. Jüdische Unternehmer und ihre Familien prägten im frühen 20. Jahrhundert mehrere große Filmstudios. Später kamen Regisseure, Schauspielerinnen, Drehbuchautoren, Komponisten und zahlreiche Fachkräfte hinzu. Diese Geschichte lässt sich gut dokumentieren, ohne die antisemitische Behauptung zu wiederholen, eine Bevölkerungsgruppe kontrolliere die gesamte Filmindustrie.
Von der Einwanderung zum Kinogeschäft
Um 1900 war das Filmgeschäft eine neue Branche, die von etablierten Unternehmerkreisen oft nicht ernst genommen wurde. Gerade für Einwanderer eröffnete das Chancen: Kleine Nickelodeon-Kinos, Filmverleih und schließlich Produktion verlangten Geschäftssinn, Organisation und Risikobereitschaft. Einige spätere Studiogründer hatten zuvor mit Kleidung, Pelzen oder Theaterkarten gehandelt. Aus ihren persönlichen Erfahrungen entwickelte sich ein Zugang zu einem Geschäft, das rasch ein Millionenpublikum erreichte.
Viele der Pioniere kamen aus Familien jüdischer Einwanderer aus Mittel- und Osteuropa. Sie wollten ökonomischen Aufstieg und gesellschaftliche Anerkennung erreichen. Das Klima Südkaliforniens, billiger Platz für Studiogelände und die Entwicklung neuer Kameratechnik begünstigten die Filmproduktion. Hollywood entstand folglich aus vielen historischen Faktoren, nicht aus einer gemeinsamen religiösen oder politischen Agenda.
Die Gründer und das Studiosystem
Carl Laemmle war an der Entstehung von Universal beteiligt. Adolph Zukor baute die Unternehmensgruppe aus, die sich zu Paramount entwickelte. Die Warner-Brüder schufen Warner Bros.; William Fox gründete Fox Film. Marcus Loew und Louis B. Mayer spielten eine wichtige Rolle bei Metro-Goldwyn-Mayer, Harry Cohn bei Columbia. Diese Männer unterschieden sich in Herkunft, Temperament und Unternehmensstrategie. Auch die Besitzverhältnisse der Unternehmen veränderten sich immer wieder.
Das klassische Studiosystem bündelte Filmproduktion, Vertrieb und teilweise Kinoketten. Stars wurden langfristig unter Vertrag genommen, Drehbücher unter Zeitdruck entwickelt und Filme national vermarktet. Diese Organisation schuf bekannte Werke und technische Innovationen, aber auch Machtkonzentration und harte Arbeitsbedingungen. Eine ehrliche Geschichte muss deshalb kreative Leistungen ebenso berücksichtigen wie die problematischen Seiten der frühen Filmwirtschaft.
Der Tonfilm und die Frage jüdischer Identität
Der Warner-Film The Jazz Singer von 1927 gilt als Markstein des Übergangs zum Tonfilm. Sein Protagonist ist der Sohn eines jüdischen Kantors, der zwischen der religiösen Familientradition und dem Wunsch nach einer Karriere als Sänger steht. Der Film erzählt damit auch von Assimilation, Loyalität und dem Leben jüdischer Einwanderer in Amerika. Zugleich enthält er Blackface-Darstellungen, die heute zu Recht kritisch eingeordnet werden müssen.
Nicht jeder jüdische Studiochef wollte jüdische Geschichten erzählen. Viele verstanden sich vor allem als amerikanische Unternehmer und suchten ein möglichst breites Publikum. In einer Gesellschaft, in der Antisemitismus verbreitet war, veränderten einige ihre Namen oder sprachen öffentlich kaum über ihre Herkunft. Das Spannungsverhältnis zwischen kultureller Zugehörigkeit und gesellschaftlicher Anpassung war ein prägendes Thema.
Nationalsozialismus, Krieg und Flucht
Mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten stand die Filmindustrie vor neuen moralischen Entscheidungen. Ausländische Märkte waren wirtschaftlich wichtig, und manche Unternehmen scheuten politische Konflikte. Andere Filmschaffende engagierten sich gegen den Faschismus oder halfen Flüchtlingen. Carl Laemmle unterstützte zahlreiche deutsche Juden bei der Suche nach einer Einreisemöglichkeit in die Vereinigten Staaten. Sein Einsatz zeigt, wie persönliche Familiengeschichte, beruflicher Erfolg und Verantwortung für Verfolgte ineinandergreifen konnten.
Nach der Schoah wurden Antisemitismus, Verfolgung und Erinnerung zu wichtigen Themen des Films. Dokumentationen, biografische Stoffe und Spielfilme brachten unterschiedliche Perspektiven in die Öffentlichkeit. Gleichzeitig blieb Hollywood immer eine vielstimmige Industrie, in der Künstler unterschiedlicher Herkunft und politischer Haltung tätig waren.
Künstler, Filme und spätere Generationen
Die jüdische Filmgeschichte besteht nicht nur aus den Namen der Studiogründer. Billy Wilder prägte Komödien und Film noir, Mel Brooks nutzte Satire gegen Fanatismus und Vorurteile, und Steven Spielberg erreichte mit Schindlers Liste ein weltweites Publikum. Barbra Streisand wurde als Sängerin, Schauspielerin und Regisseurin bekannt. Solche Lebensläufe zeigen eine große Vielfalt an Ausdrucksformen, nicht eine einheitliche Weltanschauung.
Zur tatsächlichen Arbeit am Film gehörten außerdem Cutterinnen, Kameraleute, Kostümbildner, Komponistinnen und Techniker. Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung von Los Angeles entwickelte sich parallel zur Filmstadt: Synagogen, Schulen, Wohlfahrtsorganisationen und kulturelle Einrichtungen entstanden. Wer nur auf bekannte Produzenten schaut, übersieht wesentliche Teile dieser Entwicklung.
Historische Leistungen statt Verschwörungsmythen
Die pauschale Behauptung, Juden würden Hollywood kontrollieren, ist ein antisemitisches Stereotyp. Nachweisbar ist vielmehr, dass einzelne jüdische Einwanderer wichtige Unternehmen gründeten und dass Menschen sehr vieler Herkunftsgruppen anschließend in der Filmindustrie arbeiteten. Heutige Studios gehören zu komplexen Konzernen mit wechselnden Investoren, Leitungen und Beschäftigten. Religiöse Herkunft bedeutet weder gemeinsame Interessen noch eine geheime Abstimmung.
Das Academy Museum of Motion Pictures dokumentiert in seiner Ausstellung Hollywoodland die jüdischen Gründer und die Entwicklung der Filmmetropole. Die Los Angeles Public Library stellt die Pioniere ebenfalls in den Zusammenhang der Stadt- und Einwanderungsgeschichte. Diese Perspektive würdigt tatsächliche Leistungen, ohne ein verzerrtes Bild einer ganzen Gemeinschaft zu erzeugen.