Jüdische Migration nach Deutschland: Sowjetunion, Israel und die Milky-Debatte

Jüdische Migration nach Deutschland: Sowjetunion, Israel und die Milky-Debatte
Symbolbild: jüdisches Gemeindeleben und Zuwanderung in Berlin; KI-generierte Illustration.

Wie mehr als 200.000 Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion jüdisches Leben in Deutschland prägten, warum Israelis nach Berlin zogen und welche Rolle liberale Synagogen heute spielen.

Zwei Einwanderungsgeschichten, die man unterscheiden muss

Jüdisches Leben in Deutschland wurde seit 1990 durch zwei unterschiedliche Migrationsbewegungen verändert. Zuerst kamen sehr viele jüdische Menschen und Angehörige aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie halfen dabei, bestehende Gemeinden zu erhalten und neue religiöse sowie kulturelle Angebote aufzubauen. Später wurde insbesondere Berlin auch für einige Israelis attraktiv. Diese zweite, viel kleinere Bewegung wurde 2014 durch die sogenannte Milky-Debatte bekannt. Beide Entwicklungen verbindet die Suche nach einer guten Zukunft, doch ihre Ursachen und Größenordnungen sind verschieden.

Die Einwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion

Mit dem Ende des Kalten Krieges öffneten sich die Grenzen der Sowjetunion. Deutschland beschloss 1991, jüdische Zuwanderer und ihre Familien unter besonderen Bedingungen aufzunehmen. Viele kamen aus Russland, der Ukraine und anderen Nachfolgestaaten. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge dokumentiert seit 1993 mehr als 200.000 Einreisen; nach einer neueren Zusammenstellung waren es bis 2022 rund 220.000 Personen einschließlich Familienangehöriger. Der Begriff Kontingentflüchtlinge bezeichnet vor allem das frühere Aufnahmeverfahren und ist kein Beleg dafür, dass alle dieselbe religiöse Identität oder denselben persönlichen Fluchtgrund hatten.

Wie die Gemeinden im ganzen Land wieder wuchsen

Vor der großen Zuwanderung waren viele jüdische Gemeinden klein und ihre Mitglieder überdurchschnittlich alt. Neuankömmlinge veränderten das Leben in Berlin, Frankfurt am Main, München, Hamburg, Köln, Hannover, Dresden, Leipzig, Potsdam und zahlreichen kleineren Städten. Es entstanden Begegnungszentren, Unterricht für Kinder, Sozialberatung, Seniorenangebote, russischsprachige Kulturveranstaltungen und neue Formen des Gemeindelebens. Nicht jede Familie war religiös. Viele verstanden ihre jüdische Identität zunächst kulturell, historisch oder familiär. Gerade diese Vielfalt prägte die Neugestaltung der Gemeinden.

Liberale Synagogen und religiöse Vielfalt

Die erneuerte jüdische Landschaft besteht nicht allein aus orthodoxen Gottesdiensten. Neben traditionellen Einheitsgemeinden entstanden oder stärkten sich liberale, progressive und egalitäre Gruppen. Dort können gemischte Chöre, moderne Gebetsformen und die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen eine wichtige Rolle spielen. Die Union progressiver Juden ist bundesweit aktiv. Für 2023 werden neben rund 90.500 Mitgliedern in 105 Gemeinden des etablierten Gemeindesystems weitere 19 progressive Gemeinden mit etwa 4.000 bis 4.500 Mitgliedern genannt. Diese Zahlen beschreiben organisierte Mitgliedschaft, nicht alle Menschen jüdischer Herkunft in Deutschland.

Wie viele Juden leben tatsächlich in Deutschland?

Die Formulierung „200.000 Gemeindemitglieder“ ist irreführend. Etwa 220.000 Personen kamen über die Jahrzehnte aus der ehemaligen Sowjetunion; das ist eine historische Summe von Zuzügen, nicht die aktuelle Mitgliederzahl. Die registrierten jüdischen Gemeindemitglieder liegen deutlich darunter. Eine weiter gefasste demografische Schätzung bezifferte 2021 die Bevölkerung mit jüdischer Verbindung in Deutschland auf rund 225.000 Menschen. Je nachdem, ob man Religion, eigene Identifikation, jüdische Elternteile oder Angehörige einbezieht, erhält man verschiedene Ergebnisse. Zahlen müssen daher immer mit ihrer Definition genannt werden.

Israelis in Berlin und der Milky-Protest 2014

Eine andere Geschichte begann nicht in Moskau oder Kiew, sondern in Tel Aviv. Junge Israelis diskutierten über teure Mieten, Lebensmittel, Karrierechancen und die Möglichkeit, in Berlin günstiger zu leben. Im Herbst 2014 verbreitete die Facebook-Initiative „Olim leBerlin“ einen Berliner Einkaufszettel. Besonders ein preiswerter Schokoladenpudding, der mit dem israelischen Produkt Milky verglichen wurde, wurde zum Symbol. Die sogenannte Milky-Revolution löste eine heftige Debatte aus: Sollte man aus wirtschaftlichen Gründen in ausgerechnet das Land ziehen, in dem die nationalsozialistische Judenverfolgung organisiert worden war? Der Initiator kehrte später selbst nach Israel zurück. Das Bild einer Massenauswanderung war deshalb überzeichnet.

Eine Gemeinschaft mit vielen Sprachen und Lebenswegen

Heute treffen in Deutschlands jüdischem Alltag Deutsch, Russisch, Hebräisch und weitere Sprachen aufeinander. Neben Synagogen gibt es Vereine, Jugendgruppen, Musik, Bildungseinrichtungen, israelische Kulturprojekte und unabhängige Initiativen. Zugleich sind Antisemitismus und hohe Sicherheitsanforderungen reale Belastungen. Der Zentralrat und andere Organisationen weisen seit dem 7. Oktober 2023 auf gewachsene Sorgen hin. Die Geschichte der jüdischen Zuwanderung ist daher weder nur eine Erfolgserzählung noch nur eine Geschichte des Verlustes. Sie handelt von Aufbauarbeit, Konflikten, unterschiedlichen religiösen Vorstellungen und der Entscheidung vieler Menschen, in Deutschland eine Zukunft zu gestalten.

Quellen und weiterführende Informationen

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