Tischa beAw: Geschichte, Trauer und Fasten in der Orthodoxie
26 October 2026 / 26. Oktober 2026

Tischa beAw erinnert an die Zerstörung beider Jerusalemer Tempel und weitere Katastrophen der jüdischen Geschichte. In der orthodoxen Praxis umfasst der etwa 25-stündige Fasttag den Verzicht auf Essen und Trinken, die Klagelieder und zusätzliche Trauerregeln. Sein bürgerliches Datum verschiebt sich von Jahr zu Jahr.
Geschichte und Zerstörung
Tischa beAw, der neunte Tag des Monats Aw, ist einer der bedeutendsten jüdischen Trauertage. Die religiöse Überlieferung verbindet ihn mit der Zerstörung des Ersten Tempels durch die Babylonier und des Zweiten Tempels durch die Römer. Historisch gehört das Ende des Zweiten Tempels in das Jahr 70 unserer Zeitrechnung; die Zerstörung des Ersten Tempels geschah im sechsten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Der Fasttag wurde später auch zu einem Erinnerungsort für Vertreibungen und weitere Verfolgungen. Religiöse Deutung und historische Chronologie sollten dabei nicht miteinander verwechselt werden.
Fasten in der modernen Orthodoxie
In der orthodoxen Praxis dauert das Fasten ungefähr fünfundzwanzig Stunden, vom Sonnenuntergang bis zur folgenden Nacht. Neben Essen und Trinken werden gewöhnlich auch genussvolles Waschen, das Auftragen von Cremes, Lederschuhe und eheliche Intimität vermieden. In den Synagogen liest man die Klagelieder, hebräisch Eicha, und besondere Trauergedichte, die Kinot. Viele Betende sitzen eine Zeit lang auf niedrigen Stühlen oder dem Boden. Unterschiede zwischen aschkenasischen, sephardischen und anderen Bräuchen gehören ausdrücklich zur Darstellung. Bei Krankheit, Schwangerschaft oder gesundheitlichen Risiken steht medizinische Beratung vor einem unüberlegten Fasten.

Drei Wochen und neun Tage
Der Trauertag bildet den Abschluss einer intensiver werdenden Erinnerungszeit, die mit dem Fasten am siebzehnten Tammus beginnt. In den letzten neun Tagen vermeiden viele religiöse Juden Feste, Fleisch oder Wein; die Ausnahmen hängen vom jeweiligen Brauch ab. Ein Teil der Predigten beschäftigt sich mit gesellschaftlichem Hass, unversöhnlichen Konflikten und der Verpflichtung zur gegenseitigen Verantwortung. Diese ethische Lesart ist eine religiöse Reflexion, keine moderne geschichtswissenschaftliche Erklärung für die Zerstörung Jerusalems.
Jerusalem und Israel heute
In Israel finden öffentliche Lesungen, Vorträge und Gottesdienste statt. Besonders in Jerusalem hat das Gedenken eine sichtbare Bedeutung, weil der Tempelberg für verschiedene Religionen ein zentraler Ort ist. Innerhalb des Judentums werden die Zukunft des Tempels und die Bedeutung seiner Erinnerung unterschiedlich beurteilt. Besucher sollten Fastende respektieren und heilige Orte nicht als Kulisse behandeln. Im Jahr 2026 dauerte Tischa beAw vom Abend des 22. bis zum Abend des 23. Juli. 2027 fällt der Tag auf den 11. und 12. August.

Vielfalt der jüdischen Gemeinschaften
Nicht alle jüdischen Menschen halten den Trauertag auf die gleiche Weise. Einige beachten sämtliche Verbote, andere besuchen nur Lesungen oder sprechen über die Geschichte, wieder andere fasten gar nicht. In liberalen und säkularen Kreisen wird das Gedenken häufig mit gesellschaftlichen Fragen verbunden. Gerade diese Vielfalt verdient Beachtung: Tischa beAw ist mehr als eine Liste von Einschränkungen, weil der Tag religiöse Überlieferung, Geschichte, Erinnerungsarbeit und Gegenwart miteinander verbindet.